Restrisiko

„Die Identität der Japaner ist die Selbstsucht. Es ist notwendig, diesen Tsunami als Chance zu nutzen, um die Japaner ein für alle Mal davon zu reinigen. Das war eine Strafe des Himmels“ erklärte der rechtspopulistische Shintaro Ishihara nach dem Zusammenbruch der Notstromversorgung der sich überhitzenden Atomreaktoren. Auch nach Beben und Flut sind dort noch die meisten der 55 Reaktoren in Betrieb. Räder müssen rollen für den Sieg. Die japanischen Automobilexporteure können auf keine Energie verzichten im Wettlauf mit unserer Volkswagennation.

Aber die deutsch japanische Freundschaft ist noch nicht am Ende. Auch wenn inzwischen niemand mehr glaubt, dass ein Kaiser in ununterbrochener Folge seit fast 2700 Jahren von der Sonnengöttin abstammt, die Macht der Bilder aus dem erschütterten Osten blieb nicht folgenlos für unsere etwas weniger östliche Kanzlerin. Eine Wende schien für einen kleinen Moment sogar im Westen möglich. Eine Flugverbotszone über vor Abstürzen ungesicherten deutschen Atomkraftwerken wurde nicht beschlossen. „Jawohl wir wissen, dass wir auch ein Stück weit in Gottes Hand sind“ betonte die Kanzlerin, bevor sie sich gegen einen sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie aussprach. Die Masse der Dumpfheit im Volk ist der beste Garant in einer demokratischen Rechtsordnung, den einmal eingeschlagenen Kurs zu halten. Jahrtausende Hochkultur im Einklang mit der Natur sind Schnee von gestern. Die Bilder der vor der Zeit erzeugten Wohlstandsmüllhalden bewirken heute mehr Betroffenheit als die mehr als zehnfache Zahl von Toten an den Traumstränden indonesischer Naturparadiese. Der den Ansturm von Mutter Natur nicht überlebende Teil der dort ansässigen Überbevölkerung verschwand relativ schnell im Plastiksack im Massengrab neben den schon wieder anreisenden Sonnensuchern. Katastrophen-Tourismus als letzte Hoffnung der Betroffenen wird es im strahlenden Land der aufgehenden Sonne wohl nicht mehr geben. Die zunehmende krankheitsbedingte Unfähigkeit erkrankter Menschen, den Verlust des kognitiven Leistungsvermögens entsprechend wahrzunehmen und sich mit den Konsequenzen auseinanderzusetzen, das so genannte Demenz-Paradoxon unserer abendländischen Industriegesellschaft hat auch Japan infiziert. Der Kaiser trägt die gleiche Schlinge um den Hals, wie die westliche Führungsriege. Ihr weiterer Siegeszug auch im Wüstensand gehört zum Selbstverständnis der globalen Staatengemeinschaft.

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